
ZWEI REDEN
Meine „Nichtgehaltene“ zuerst. Danach die Rede von StS-BW A. Braun. Die „Nichtgehalten“ deshalb, da der Staatssekretär vieles davon in seiner Laudatio meiner Rede bereits vorwegnahm und ich die Inhalte nicht doppeln wollte. Es blieb für mich, zum Dank für die Auszeichnung, der sogenannte Stegreif und nun die Veröffentlichung hier von beiden Reden posthum.
MEINE REDE
Der Ministerpräsident des Landes BW, das Staatsministerium ehrt nun mit der Staufer-Medaille meine Person für seine herausragenden Verdienste als Musiker und Komponisten. Also einen Künstler der klassischen Art, der im Kulturbetrieb des „Hier und Jetzt“ bereits „wie aus der Zeit gefallen“ erscheinen muss.
Der Anspruch an die Musik hat sich inzwischen verändert. Heute empfiehlt sich das Gros der Musiker als Gattung meist modisch, nett, stromlinienförmig lächelnd, als Werbeträger irgendeines Investmentfonds oder anderer „Kulturverwerter“, um im allmächtigen Tonika-Dominate-Subdominante-Allerwelts-Sound-Sumpf fürs nächste Jahr mitzumischen. Komme was da wolle!
„Ich muss heute die Songs machen, die die Leute morgen hören wollen“, erklärte einer jüngst sendungsbewußt die Problematik des Berufes als Musikproduzent und Kompositeur von heute in einer HochglanzIllustrierten.
Nicht mein Ding!
„Ich brauche nicht den Beifall eines Publikums um einen Film zu machen. Ich mache den für mich selbst und so, wie ich ihn für richtig und gut halte“, sagt dagegen Kevin Kostner. – Und tanzte mit dem Wolf.
Ganz mein Ding!
Friedrich Schiller erkannte und trennte schon 1789 die durch die aufkommende Industrialisierung flugs entstandene Schar von Wissenschaftlern in diejenigen, die gewissenhaft für die Wissenschaft leben und jene, die nur von ihr leben wollten, mit dem gesteigerten Interesse für Fürstengunst, Zeitungslob und Gold, versteht sich. Und er bezeichnetet sie als „Brotgelehrte…“
Natürlich muss die Kunst auch dem Künstler ein Brötchen schmieren, schongleich, wenn er kein Weltstar, oder irgendwo angestellt ist, oder von einem Mäzen gnädigst unterhalten wird, der ihm finanziell den Rücken frei hält. Leider gab es in der Geschichte unzählige Beispiele von Künstlern, die wenig bis nichts davon vorzuweisen hatten, denen es kaum oder nie gelang, von ihrer Kunst zu leben. Obwohl, meist nach ihrem Tode, ihre Werke nicht selten Weltruhm erlangten.
Auch ich konnte dergleichen nie vorweisen. Ein Brotmusiker, auch in finanziell dürren Zeiten, wollte ich dennoch nie sein. Dafür war mir die Musik zu „heilig“. Sie sollte immer so bleiben wie sie meiner Seele, meiner Meinung und meiner Kenntnis von Welt und Wissen entsprach. Authentisch! Einzigartig! Mit mir, der Welt, den Menschen und der Natur in Einklang!
Dazu gehörte Wissen. Nicht zuletzt um die eigene Geschichte. Denn nur wenn man weiß, woher man kommt, weiß man, wohin man gehen sollte. Das heißt z. B., im Volksliedauch das Volksleid zu erkennen und ihm den entsprechenden Raum in Würde zu geben. Zu erkennen, dass ein kleines Vertauschen von „i“ und „e“ die geschwisterliche Verwandtschaft der beiden ausdrückt und auf den Ursprung vieler Lieder mit oft leidvollen Erfahrungen in Bezug auf Krieg, Liebe, Hunger und Elend etc. hinweist. Vor allem beim Restaurieren und Singen derselben gilt es dies zu berücksichtigen. Denn zur Geschichte eines jeden Liedes gehören eben auch alle Wahrheiten des Seins, heute wie gestern, und nicht nur die pragmatisch gefilterte Begehrlichkeit des jeweiligen modernen Geschäftsmodells.
Ohne Yin kein Yang. – „Geschichte kann man nicht verändern“. – „Man kann sie nur anders erzählen“ -, sagt die Philosophin Lea Ypi. In Zeiten von Fake News ist heute die Umdeutung von Wahrheit Gang und Gäbe und Ypis Erkenntnis übervoll zum eigenen Nutzen in Anspruch genommen. „Recht schaffen“ ist zum „Recht haben“ verkommen, nach dem Motto: Wahr ist, was mir nutzt!
Nicht mein Ding!
Inzwischen hat sich die moderne Unterhaltungsindustrie dem Zeitgeist angepasst und das Wort „Haltung“ offensichtlich ganz aus dem Wortzusammenhang gestrichen. Man setzt verstärkt nur noch auf Gewinn bringendes „Über-Unter“. Denn der Markt will es, angeblich. Wie Gott die Kreuzzüge im 11. Jahrhundert unter Papst Urban II. „Wie want to entertain you“, plärrte es inzwischen atemlos aus allen Medienrohren und Lautsprechern im „Unter-Gang“ in Endlosschleife der monetären Begehrlichkeiten. Von „sozialen“ Medien weltweit noch getoppt. – Doch welchen Werte hat auf Dauer eine Unterhaltung ohne Haltung?
Wer meine Arbeit insgesamt kennt, weiß, dass diese immer bemüht war der Unterhaltung den entsprechenden Wert beizumischen. Klar ist damit aber auch, dass meine Chancen, die Perlen in süße Früchte des Mainstreams zu verwandeln und mir davon ein Brötchen schmieren zu können, nicht unbedingt gestiegen sind. Der Geist der Zeit mag die Oberfläche, Bombastisch-Spektakuläres und Lautes. Wahr muss es nicht sein, schon gar nicht wahrhaftig.
Mit Zupfgeigenhansel erfüllte sich für mich die Möglichkeit mir nicht nur ein Brötchen schmieren zu können, sondern das auch noch mit Schinken oder Käse zu belegen. Es war die Zeit mit der größten Aufmerksamkeit vieler meiner Melodien und Arrangements. Vornehmlich interpretiert von einem begnadeten Sänger an meiner damaligen Seite. Thomas Friz. Mit ihm war eine sehr erfolgreiche Arbeit auch ohne Geländer der Industrie möglich, die heute so selten geworden ist. Er ist leider vor ein paar Jahren verstorben. Auch er hätte für seine herausragenden Qualitäten, vor allem im Bereich „Jiddischen Lieder“ eine Medaille verdient, wie ich meine.
Doch wie einst Jean-Jacques Rousseau, so sitze auch ich, wie neben mir viele andere „klassische“ Künstler, heute noch, nicht nur zwischen allen Stühlen, sondern auch da drunter und drüber. Und bin deshalb bei mir selbst auch nie ganz zuhause. »Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, so daß es sinnlos wäre, mich anders, als durch meine Mannigfaltigkeit, definieren zu wollen,« sagte Rousseau über sich selbst. – Er war schon damals nicht nur einer, er war viele! Wie Bob Dylan. – „I contain multitudes“ hört man ihn künden und singen.
Auch mein bescheidenes Ich ist ja schon durch meinen Vornamen mit zwei Personen gekennzeichnet, die es darüber hinaus zu betreuen gilt. ER&ICH. – Und eingebunden in das bisher Gesagte, werden es noch viel mehr…
In einer Welt der selbstverschuldeten Ahnungslosigkeit fühlte ich mich nie zuhause. Und so bin letztlich zu dem geworden, was ich wohl schon immer war. – Ein Romantiker.
Kein Traumtänzer. Obwohl mir ein Traum, die Sehnsucht nach einer besseren Welt, im Sinne Martin Luther Kings, stets den Weg wies. Der marktförmigen Verführung durch peinliche Idylle hingegen, mit der man heute ROMANTIK gerne gleichsetzt und verballhornt, war und bin ich nach wie vor höchst skeptisch, ja geradezu feindselig gegenüber eingestellt. Romantik ist für mich die Eigenschaft den eigenen Tellerrand nicht ichverliebt mit dem Horizont zu verwechseln, sondern ohne jegliches Geländer darüber hinaus zu denken. Eine Geisteskraft. – Und frei nach Goethe gesagt: Ein Triumph der Empfindsamkeit, die uns gerade in unserer heutigen Welt so dringend fehlt.
Das war und ist noch immer mein Ding! Was denn sonst?
Dass es dafür die Staufer-Medaille des Landes BW gibt ist eine große Ehre. Das macht Hoffnung und große Freude. Sage noch einer, dass der Prophet im eigenen Lande nichts gilt…!
Schließen möchte ich nun diesen kleinen Exkurs zu mir selbst und um mich herum in Anbetracht der Ereignisse nicht nur mit Dank und Zuneigung, sondern mit einer auch für mich zutreffenden Lebensweisheit in Anlehnung an wahre Worte von Victor von Bülow (Loriot), dem Meister der satirischen Beobachtung. –
Ein Leben ohne Haltung, ohne authetische Musik und Romantik, ist möglich, aber sinnlos. ©ER&ICH S.

REDE DES STAATSSEKRETÄRS-BW BRAUN
Grußwort anlässlich der Verleihung der Staufer-Medaille an Erich Schmeckenbecher am 30. April 2026 in Stuttgart (Staatsministerium) – Es gilt das gesprochene Wort! –
Kernbotschaft der Rede: Würdigung der Verdienste von Herrn Schmeckenbecher
Vorbemerkung:
Wissen Sie eigentlich, Herr Schmeckenbecher, dass Sie vor genau 50 Jahren im Stuttgarter Westen für einen veritablen Skandal gesorgt haben? Mein Nachbar rief mir die Skandal-Geschichte über den Gartenzaun zu, als er vor ein paar Tagen hörte, dass ich heute die große Ehre habe, Sie zu würdigen. Eine Geschichte, die so typisch ist für Zupfgeigenhansel und für ihre große Zeit in den 70ern steht.
Die evangelische Paul-Gerhardt-Gemeinde eröffnete 1976 ihr neues Zentrum, und Sie sangen das Bauernlied, in dem der Bauer den Pfaffen erwischt, wie er sich bei der Bauersfrau gütlich tut, rustikal und entwaffnend ehrlich heißt es – Zitat: „Und die Moral von der Geschicht, trau nicht des Pfaffen Arschgesicht.“ Die Gemeindeoberen waren not amused, im Gegenteil, es muss echten Ärger gegeben haben, wie ich hörte.Aber ich habe leider keine echten Quellen für die Gesichte, sie ist eher eine Moritat, die sich über den Gartenzaun erzählt wird, ganz so, wie Sie Ihre Geschichten in Volksliedern fanden und dann in die Jetztzeit übersetzten.
Begrüßung
Sehr geehrter Herr Schmeckenbecher, sehr geehrte Frau Abgeordnete Häusler, sehr geehrter Herr Bürgermeister Rembold, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, es gibt Sternstunden im Leben eines Kulturstaatssekretärs, beispielsweise, wenn man Helden der eigenen Kindheit trifft, oder sogar ehren darf, so wie heute. Deswegen freue ich mich umso mehr, Sie alle heute hier in der Villa Reitzenstein begrüßen zu dürfen um einen ganz besonderen Menschen auszuzeichnen: Erich Schmeckenbecher.
Ich habe einen direkten Bezug dazu, gehörte Zupfgeigenhansel doch neben Punk und sonstiger schräger Musik auch zu meiner musikalischen Sozialisation, wahrscheinlich genau deshalb. Wir ehren heute nicht nur ein Lebenswerk. Wir würdigen eine Haltung. Wir würdigen einen Menschen, der über viele Jahre hinweg mit seiner Kunst, mit seinem Engagement und mit seiner Überzeugungskraft unsere Gesellschaft zu einer besseren gemacht hat.
Zur Erklärung: Die Verleihung der Staufermedaille ist eine der höchsten Auszeichnungen unseres Landes. Sie wird Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Weise um das Gemeinwohl in Baden-Württemberg verdient gemacht haben. Dabei nehmen wir Menschen in den Blick, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die nicht wegsehen. Menschen, die mit ihrem Wirken Brücken bauen – zwischen Generationen, zwischen Kulturen und zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Lieber Herr Schmeckenbecher, passgenauer geht es wohl nicht.
Blicken wir zunächst auf Ihr Leben, alles andere als eine gewöhnliche Künstlerlaufbahn. Sie waren immer neugierig, ein Forschender, der gleichzeitig über große musikalische Talente verfügte. Ergebnis: Eine neue Volks-Folk-Musik mit kritischem Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung, damals wie heute. Und das alles für ein riesiges Publikum, durch und durch politisch und – auch nicht selbstverständlich – lustig. –
Geboren 1953 in Stuttgart-Bad Cannstatt, haben Sie früh Ihren Weg zur Musik gefunden. In Kindertagen war es das Akkordeon, es entwickelte sich rasch zur großen musikalischen Leidenschaft. Und ganz nach dem Do-it-yourself-Prinzip haben Sie sich so viel selbst beigebracht – Gitarre, Mandoline, Bass, Mundharmonika. Aber technische Perfektion war das eine, die politische Botschaft das andere. Sie sagten einmal: Musiker zu sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Wer Sie kennt, so habe ich mir sagen lassen, weiß – das ist keine Floskel, sondern Ihr innerer Kompass. Und seien Sie gewiss, so etwas spürt man. –
Aber weiter von vorne. Alles begann gegenüber meiner Dienststelle (Mittnachtbau). In der Schulstraße, vor der Nordsee, die Wellen schlagen da im Fischimbiss immer noch an den Strand. 1972, vor mehr als 50 Jahren, eroberten Sie dort als Straßenmusiker ein erstauntes Publikum, hier reagierten die Stuttgarterinnen und Stuttgarter auf wiedergefundene Lieder. Da entschied sich Ihr Schicksal, die Versuchsanordnung funktionierte. Gemeinsam mit Ihrem langjährigen Weggefährten, dem freigeistigen Musikerfreund Thomas Friz, gründeten Sie das Duo „Zupfgeigenhansel“, ein Name, der für die Wiederentdeckung eines musikalischen Erbes stand. Damals war der Heimatbegriff und natürlich auch das deutsche Volkslied belastet, vereinnahmt und in Teilen diskreditiert – Heino mit Playback. Rechts und oft mit einer übelstinkenden Vergangenheit. – Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, als Sie sich auf die Suche machten. Und zwar in Archiven, in Bibliotheken, auf Dachböden und im wahrsten Sinne des Wortes – sogar auf dem Sperrmüll. Und Sie wurden fündig: Sie haben alte Lieder gefunden, sie geprüft, für sich erobert und neu interpretiert. Und – das ist nicht hoch genug einzuschätzen – Sie haben sie befreit. Befreit von ideologischen Verzerrungen. Befreit von nationalistischer Vereinnahmung. Befreit von dem Staub der Geschichte. Und Sie haben dem deutschen Volkslied seine Würde zurückgegeben. Dabei ging es Ihnen nie um Nostalgie, naja, vielleicht ein bisschen. Es ging Ihnen zu allererst um Aufklärung. Um Einordnung. Und Klugmachen. Um ein klares Verhältnis zur eigenen kulturellen Tradition. Denn Sie haben eines bewiesen: Volkslied ist nicht gleich Volkslied. Jedes Volkslied ist ein Spiegel der Gesellschaft – und es ist, richtig verstanden, ein Werkzeug der Verständigung.
Ihre Arrangements, lieber Herr Schmeckenbecher, Ihre ganz eigene musikalische Handschrift, und Ihre Art, Texte neu zu formen – all das hat dazu beigetragen, dass diese Lieder ganz plötzlich wieder gesungen wurden. Auch von jungen Menschen. Von Initiativen. Von Demonstranten. Von Menschen, denen das alles vorher eher fremd war. Und das Tolle: Bis heute sind viele dieser Lieder lebendig. Sie tragen Ihre Handschrift und sind Teil geworden, Teil des kollektiven Gedächtnisses.
Das war der eine Teil, es gibt aber noch so viel mehr, denn Ihr Wirken ging weit über die Reanimation deutscher Volkslieder hinaus. Mindestens genauso wichtig war Ihr Einsatz für das jüdische Liedgut. Ende der 1970er Jahre haben Sie jiddische Lieder aufgenommen und dem neu eroberten Publikum vorgespielt – damals alles andere als selbstverständlich. Sie haben Werke des jüdischen Dichters Theodor Kramer, von den Nazis geächtet und danach fast vergessen, vertont und dafür gesorgt, dass der Künstler und sein Werk nicht vergessen wurden. Und auch seine immer gültigen Aussagen.
So heißt es in dem Lied Andre, die das Land so sehr nicht liebten (aus dem gleichnamigen Album des legendären Volkslieder-Duo Zupfgeigenhansel) – ich zitiere: „Andre, die das Land so sehr nicht liebten War’n von Anfang an gewillt zu geh’n, Ihnen – manche sind schon fort – ist besser Ich doch müsste mit dem eig’nen Messer Meine Wurzeln aus der Erde dreh’n!“ – Das Lied ist die Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Theodor Kramer. Es geht um die nicht immer einfache Liebe zur Heimat. Kramer war im ersten Weltkrieg schwer verwundet worden. Seine Mutter von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.
Heimat?
Die Debatte um den Begriff beschäftigt uns heute noch, immer wieder aufs Neue, der Kampf, der Rechten unsere Idee von Heimat als Gemeinschaft und Freiheit entgegenzustellen, tobt heute mehr denn je. Ich schaue aktuell in den Osten und wie in Sachsen-Anhalt der Kulturbegriff diskutiert wird. Sie jedenfalls haben mit der Wiederbelebung des Erbes Theodor Kramers ein starkes Zeichen gesetzt. Ein Zeichen gegen das Vergessen. Sie haben jüdischen Liedern Ihre Stimme gegeben – und damit auch den Geschichten, den Schicksalen und der Kultur, die hinter diesen Liedern stehen. Denn auch das ist Geschichte, Volksmusik, Heimat. Sie sprachen vor Überlebenden des Holocaust – Vertrauen einerseits, Verantwortung andererseits. Und alles mit Respekt. Mit Sensibilität. Mit künstlerischer Integrität. Das hat Größe. Das war ein wichtiger Impuls für die Klezmerbewegung in Deutschland. Das ist alles nicht hoch genug einzuschätzen.
Als ob das nicht für ein Leben reichen würde – ein weiterer roter Faden für Zupfgeigenhansel: Frieden und Gerechtigkeit. Sie waren und sind ein wichtiger Liedermacher für die Friedensbewegung. Um das festzuhalten: Ihre Musik war nie unpolitisch, nie platt, nie belehrend. Sie haben zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt, oft wurden Missstände angesprochen. – Ein Beispiel gefällig: „Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne“. Ein Lied mit tiefen historische Wurzeln – neu interpretiert. Es wurde in den 1970er Jahren zu einer Hymne der Friedensbewegung.
Wie stark das ist, beweist die Tatsache, dass es heute aktueller denn je ist, als unzeitgemäß aktuell ermahnt es uns das, was ich eingangs als Haltung bezeichnet hatte. In einer Zeit, in der Krieg wieder näher an Europa herangerückt ist, haben es jetzt auch die Jungen entdeckt – in sozialen Medien, auf Streaming-Plattformen, in neuen Kontexten. Das beweist einmal mehr: Gute Kunst ist zeitlos. Und – das können wir nun ohne Zweifel attestieren – Ihre Kunst ist es.
Nach der Bandzeit mit „Zupfgeigenhansel“ haben Sie Ihren Weg als Solokünstler fortgesetzt und sind sich dabei immer treu geblieben. Ein neues Betätigungsfeld: Sie haben Gedichte der Romantik vertont – Heine, Goethe, Schiller, Eichendorff, Novalis.
Aber nicht ästhetische Fragen wurden in erster Linie verhandelt, die Romantik ist im Kern die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Eine Frage, die auch heute noch relevant ist. Zitat Schmeckenbecher: „Ein Ende der Sehnsucht ist das Ende des Lebens“ – besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
Aber wir wollen nicht nur Ihr künstlerisches Wirken würdigen, sondern auch Ihr ehrenamtliches Engagement. Über Jahrzehnte hinweg haben Sie sich für soziale Projekte eingesetzt, unzählige Solidaritätskonzerte gegeben. Sie haben mit Schülerinnen und Schülern gearbeitet, mit ihnen diskutiert, musiziert, Perspektiven eröffnet, Jugendclubs unterstützt. Und, das ist eine besondere Gabe: Sie haben sich Zeit genommen. Zugehört. Impulse gegeben. Sie haben den Verein für Menschlichkeit und Toleranz gegründet. Räume geschaffen für Dialog. Für Begegnung. Keinem noch so schweren Thema sind Sie aus dem Weg gegangen, zu Gewalt, Extremismus und Ausgrenzung, Rassismus und Krieg haben Sie immer Haltung bewiesen. Nicht nur mit Ihren Liedern.
Jetzt ist dieses Engagement wichtiger denn je, wir brauchen mehr Menschen wie Sie, die Haltung zeigen.Gegenwind aushalten und in Rückenwind verwandeln, Rückenwind für die Freiheit. Sie sind Ihren Weg gegangen – konsequent, glaubwürdig und mit einem klaren Wertekompass.
Lieber Herr Schmeckenbecher, Ihr Lebenswerk ist geprägt von Menschlichkeit, von Toleranz und von einem tiefen Glauben an die Kraft der Kultur. Sie haben Spuren hinterlassen – in der Musik, aber auch in den Herzen vieler Menschen – generationenübergreifend. Für dieses außergewöhnliche Engagement, für Ihre künstlerische Leistung und für Ihren unermüdlichen Einsatz für unsere Gesellschaft danke ich Ihnen von Herzen.
Es ist mir eine große Freude und Ehre, Ihnen heute die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg zu verleihen. Herzlichen Glückwunsch!

